Wenn Forensiker Mist verzapfen

Der eine oder andere Leser hat vermutlich schon von der ehemaligen amerikanischen Lehrerin Julie Amero gehört. Amero soll Schulkindern absichtlich pornografische Bilder gezeigt haben. Der Fall ist ein Paradebeispiel dafür, wie „Sachverständige“ den größten Unsinn vor Gericht behaupten können und damit immer wieder durchkommen.

Wenn sich nicht mehrere Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Sunbelt Software freiwillig für Amero eingesetzt und die „Beweise“ geprüft hätten, würde die Frau vermutlich nun jahrzehntelang im Gefängnis verrotten. Immerhin: Vor kurzem ist der Prozess gegen Amero eingestellt worden.

Vergangene Woche hat der Sunbelt-CEO Alex Eckelberry ein von ihm und seinen Kollegen erstelltes Gutachten (PDF) veröffentlicht, das gruselige Einblicke in die Arbeit „professioneller Sachverständiger“ bietet.

Der IT-Verantwortliche der Schule sagte unter anderem aus:

“Anti-virus updates, Inoculate IT was updated I want to say weekly. It would have been updated no later than October 12th [2004], the week before that and probably sometimes towards the middle of the week.”

In Wahrheit hatte Computer Associates, der Anbieter von Inoculate IT, den Support für das Produkt Mitte 2004 eingestellt. Das letzte Signatur-Update war am 30. Juni 2004 verteilt worden.

Weiter wurde er gefragt:

Question: Does spyware and adware generate pornography?
Answer: Not to the best of my knowledge.

Ein schöner IT-Profi ist das, „Pornware“ gibt es schon seit längerem.

Question: Is it possible to be in an endless loop of pornography?
Answer: I’ve never seen that, so I would have to say probably not.

Die meisten Internet-Nutzer, die damals noch mit dem IE6 unterwegs waren, werden sich an endlose Popup-Schleifen erinnern. Man klickt eines zu und macht damit gleich ein neues Popup auf …

Ein Computer-Forensiker, der den fraglichen PC untersuchte, kam gar nicht auf die Idee nach Schädlingen zu suchen:

Question: Did you examine the hard drive for spy ware, ad ware, viruses or parasites?
Answer: No, I didn’t.

Dieser „Sachverständige“ scheint nicht nur einen bescheidenen Horizont zu haben, sondern auch ein richtiger Web-Profi zu sein:

Question: Are there any specific characteristics that may occur to a web page when you click on specific link?
Answer: Yes. When you click on a link, again, links are Javascripted, you click on a link, it changes color and then you will get sent to that new address, that new page or site.

Was hat Javascript mit Links zu tun? Nix, aber es klingt auf Laien vermutlich beeindruckend.

Der Farbwechsel hat es dem „Sachverständigen“ angetan:

Question: I will take your attention specifically to this, Female Sex Enhancers; anything different about that link as opposed to the other links?
Answer: The color, it’s red.

Das mag bei einer IE6-Standardkonfiguration zutreffen. Die Einstellungen auf dem fraglichen PC sahen jedoch so aus:

Ein besuchter Link wäre also nicht rot, sondern grünlich markiert.

Die Sunbelt-Mitarbeiter haben außerdem den Quelltext der Seite mit dem angeblich geklickten Link untersucht und herausgefunden, dass die rote Schriftfarbe dort festgelegt worden war.

Examining the HTML source of that page, we determined that, in fact, the text “Female sex enhancers” was colored red through the < font color="#FF0000"> tag.< /font>

Das und viele weitere Hinweise auf unprofessionelle Arbeit finden sich in dem Gutachten. Amero hat noch einmal Glück gehabt, aber wie viele andere Opfer von Verfolgungswahn und Inkompetenz gibt es, denen nicht soviel Aufmerksamkeit zuteil wird?

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